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Die Nummer eins in Oberbayern

Die Nummer eins in Oberbayern

Oberammergau – Ulrich Tonak will nicht jammern. „Wir sind in einer besseren Situation wie Hotels und Gastronomie“, sagt der Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Oberammergau. Doch die Pandemie setzt auch der Reha-Klinik an der Hubertusstraße zu. Seit einem Jahr muss sie ihr Angebotsportfolio auf das Kerngeschäft, die Nachsorge für Krankenhaus-Patienten, zurückfahren. In der Kasse fehlt ein siebenstelliger Betrag, betont Tonak. Trotz der Unterstützung des Staats, trotz Kurzarbeitergeld. Jetzt tritt die Einrichtung sozusagen die Flucht nach vorne an und macht sich auf ihren Weg raus aus der Corona-Krise. Sie bietet nun ein interdisziplinäres Behandlungskonzept an, das Menschen in Anspruch nehmen können, die mit den Folgen der Virus-Infektion zu kämpfen haben.

Der große Vorteil des Gesundheitszentrums – und Alleinstellungsmerkmal: Es vereint drei Disziplinen unter einem Dach – neben der Pneumologie (Lunge) auch die Kardiologie (Herz) und Psychologie (Seele). Die Orthopädie (Bewegungsapparat) wird ebenfalls eingebunden. „Das kann keiner in Oberbayern.“

Die ersten Patienten nutzten das Angebot bereits. Tendenz – zunehmend. Überrascht keinen. Mit dem Post-Covid-Syndrom ist ein neues Krankheitsbild entstanden. Denn: Wer sich von der akuten Corona-Infektion erholt hat, ist noch lange nicht gesund. Aktuelle Studien zeigen, dass die Spätfolgen viel schwerer und langwieriger sein können als ursprünglich angenommen. Selbst bei einem milden Verlauf. Manchmal treten sie erst Monate später auf.

Das Virus belastet nicht nur die Lunge nachhaltig, es siedelt sich im ganzen Körper an, schädigt unter Umständen auch Herz, Nieren, Nervensystem, Muskulatur und die Psyche. „Die Atmung“, sagt Dr. Heinrich Weber, „ist immer ein Problem.“ Die Betroffenen hecheln, atmen nur oberflächlich statt tief. Das müssen sie wieder lernen, betont der Chefarzt der Pneumologie, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Armin Rosenberger das Konzept maßgeblich entwickelt hat.

Völlig unterschiedlich äußern sich die Symptome – sie reichen von Müdigkeit, Sprachverlust über Schlafstörungen und Atemnot bis hin zu Gedächtnisproblemen und Angstzuständen. Auch die Muskulatur baut massiv ab, wenn jemand vier Wochen beatmet wurde. Sogar die Isolation macht sich bemerkbar – gerade bei Älteren. „Manche wissen gar nicht, warum es ihnen schlecht geht“, sagt Bianca Weber. „Dabei hat sich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PBTS) entwickelt.“ Erinnerungen an die Kriegszeit, an Stunden im Bunker, kommen zum Vorschein.

Während ihres Aufenthalts bekommen alle ein individuell auf sie zugeschnittenes Programm – je nach Schwere der Erkrankung und entsprechend der aktuellen Beschwerden. Unter anderem mit Tests der Lungenfunktion und einer Ultraschall-Untersuchung des Herzens. Die Diplom-Psychologin übernimmt eine wichtige Aufgabe in der Betreuung. Dazu zählt unter anderem, die Scham abzubauen. Vor allem bei Jüngeren. Die Diagnose sei manchen peinlich, sagt sie. In Gesprächsgruppen arbeitet Wind mit ihnen. Trainiert sie im Entspannen – mit Qi Gong oder Imagination (Phantasiereisen zum Beispiel) – und reaktiviert die kognitiven Fähigkeiten, das Wahrnehmen, Lernen, die Aufmerksamkeit. Ihr Ziel: Den Patienten mit Technik die Ängste zu nehmen und ihnen das Handwerkszeug zu geben, diese auch zuhause anzuwenden. „Wir geben ihnen Ideen, wie es daheim weitergeht“, erklärt die Expertin. Therapeutisch wie praktisch. Tonak spricht vom „Entlassmanagement“. Das heißt: Die Betroffenen erhalten zum Beispiel Infos und Adressen für Ansprechpartner.

Offen steht das Haus für alle, direkt nach der akuten Phase oder zu einem späteren Zeitpunkt. „Die niedergelassenen Ärzte, Krankenkassen und Sozialdienste in den Kliniken sind wichtige Partner, um ihnen eine adäquate Behandlung zukommen zu lassen, betont Tonak. Der Startschuss ist bereits gefallen. Vergangene Woche „haben wir aktiv begonnen“.

Im Laufe dieses Jahres möchte das Gesundheitszentrum und seine 150 Mitarbeiter wieder das bewährte Angebot hochfahren – flankiert vom Hygiene- und Infektionsschutzkonzept. Chefarzt Weber zeigt sich überzeugt, dass die Post-Covid-Behandlungen dauerhaft eine Rolle spielen werden. „Das ist nichts Kurzweiliges“, sagt er. „Trotz der Impfungen.“


Quellenangabe: Garmisch-Partenkirchner Tagblatt vom 12.03.2021, Seite 41


Foto: Brückner
Nehmen es mit dem neuen Krankheitsbild auf: (v.l.) Dr. Armin Rosenberger (Chefarzt Kardiologie), Bianca Wind (Diplom-Psychologin), Dr. Heinrich Weber (Chefarzt Pneumologie) und Geschäftsführer Ulrich Tonak.

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